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Interview: Mikrofinanz im Wandel

Interview: Mikrofinanz im Wandel

ben-simmes-400-30015. Oktober 2012

Ben Simmes, Geschäftsführer von Oikocredit International, erklärt im Interview, wie Mikrofinanzierung sich verändert hat, und was sie für die Zukunft braucht.

Bereits im Jahr 2009 machte Oikocredit darauf aufmerksam, dass sich einige MikrokreditnehmerInnen überschuldet hatten und kündigte Maßnahmen an, um sicherzustellen, dass das Wohl der KundInnen in der gesamten Branche weiterhin oberste Priorität hat. In allen Oikocredit-Länderbüros wurde jeweils ein Mitarbeiter beauftragt, die Situation in der Region zu untersuchen. Gleichzeitig hat sich Oikocredit federführend an mehreren branchenweiten Initiativen beteiligt, die sicherstellen sollen, dass das Wohl der MikrofinanzkundInnen im Vordergrund steht. (Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Bericht zum sozialen Wirkungsmanagement auf S. 11)

Es gibt einige Diskussionen über die Wirksamkeit der Mikrofinanzierung. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Ben Simmes: Wir begrüßen jede Diskussion über Mikrofinanzierung, da konstruktive Kritik die Branche dazu anhält, kritisch zu reflektieren, zu bewerten und ihren Werten treu zu bleiben. Wenn wir über Mikrofinanz im Allgemeinen sprechen, müssen wir immer bedenken, dass es nicht nur um Kredite geht, sondern auch um Spar- und Versicherungsleistungen sowie um die Möglichkeit kleiner Überweisungen.
Darüber hinaus müssen wir anerkennen, dass Mikrofinanzierung nur eines von vielen Werkzeugen ist. Wenn es richtig eingesetzt wird, können arme Menschen es nutzen, um ihren Lebensunterhalt nachhaltig zu verbessern und zu sichern. Aber Mikrofinanz hilft nicht in jeder Situation. Ein Kleinunternehmer, der gerade über die Runden kommt, braucht häufig keinen Kredit, sondern eine Schulung in Finanzfragen oder eine praktische Weiterbildung in seinem Geschäftsfeld. Ein Kleinbauer braucht vielleicht zunächst einen fairen Zugang zu einem Markt, um seine Erzeugnisse verkaufen zu können. Hier bieten Bildungsprojekte und Genossenschaften oft wichtige Ansätze.
Aus diesem Grund unterstützt Oikocredit nicht nur Mikrofinanzorganisationen, sondern auch Genossenschaften im Fairen Handel und kleine und mittlere Unternehmen. Dieser vielschichtige Ansatz schafft Arbeitsplätze, fördert Bildung und unterstützt lokale Gemeinschaften.

Was hat sich in den letzten Jahren im Mikrofinanzbereich verändert?

Ben Simmes: In den letzten Jahren hat sich die Mikrofinanzierung in verschiedener Hinsicht sehr stark verändert. Sie hat sich von einem Instrument für KleinunternehmerInnen zu einem ganzheitlichen Ansatz entwickelt, der es Menschen auch erlaubt, Schulgelder zu zahlen, ihre Hütte oder ihr Haus instandzusetzen, sich gegen Krankheit zu versichern oder kleine Ersparnisse zu bilden. 

Wir haben uns von der Vorstellung verabschiedet, Mikrofinanz sei ein Wundermittel, und begreifen es zunehmend als eines von mehreren Werkzeugen, die wir einsetzen, um die finanziellen Bedürfnisse armer Menschen zu decken. Die Mikrofinanz-Branche muss sich den Bedürfnissen der EndkundInnen anpassen und gleichzeitig wirtschaftlich bleiben.

Was macht die Mikrofinanzbranche, um ihren Zielen und Werten treu zu bleiben?

Ben Simmes: Um armen Menschen wirklich von Nutzen sein zu können, brauchen wir eine branchenweite Verpflichtung zu einem Gleichgewicht zwischen sozialer und finanzieller Rendite. Bei vielen sozialen Investoren sehen wir bereits ein deutliches Bekenntnis zu gemeinsamen sozialen Zielen, was sich etwa in der beeindruckenden Initiative Principles for Investors in Inclusive Finance (PIIF) ausdrückt. Mit der Unterzeichnung dieser Leitlinien vepflichten sich Investoren zu einem fairen Umgang mit MikrofinanzkundInnen und zum Kundenschutz.
Darüber hinaus formulieren die Social Performance Task Force und die Client Protection Principles klare Erwartungen an die Branche als Ganzes. Oikocredit spielt eine aktive Rolle in all diesen Initiativen.

Wie können Mikrofinanz-Investoren ihre Partner auf soziale Zielsetzungen verpflichten?

Ben Simmes: Mikrofinanz-Investoren wie Oikocredit können einen großen Einfluss auf die Branche ausüben. Erstens ist es wichtig, langfristige Beziehungen mit den Mikrofinanz-Partnerorganisationen einzugehen, um soziale Zielsetzungen unterstützen und ihre Erreichung überprüfen zu können. Oikocredit macht oft auf Herausforderungen innerhalb der Partnerorganisation aufmerksam, die mit Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen durch unsere Experten gemeistert werden können.
Zweitens können Investoren wie Oikocredit eine Senkung der Zinssätze erreichen, indem sie die Gewinnspannen und Kostenstrukturen von Partnerorganisationen sehr genau beobachten und bewerten. Oikocredit überprüft die Zinsen, die Mikrofinanzinstitutionen ihren KundInnen berechnen. Wir haben wichtige Anstöße zur Senkung der Zinssätze aktiv unterstützt – vor allem durch die internationale Initiative MFTransparency.
Schließlich sollten die Investoren ihre Erwartungen an ihre Mikrofinanzpartner klar und deutlich formulieren. Einige wichtige Initiativen, etwa die Kundenschutzrichtlinien, wurden entwickelt um sicherzustellen, dass das Wohlergehen der KundInnen stets höchste Priorität hat. Diese Grundsätze sind nun fester Bestandteil aller Verträge, die Oikocredit mit neuen Mikrofinanzpartnern abschließt. Darüber hinaus haben bereits 220 unserer bestehenden Mikrofinanzpartner die Richtlinien unterzeichnet.

Was plant Oikocredit für die kommenden Jahre in den Bereichen Kundenschutz und Preistransparenz?

Ben Simmes: Oikocredit wird weiterhin gemeinsam mit Partnerorganisationen und deren MitarbeiterInnen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen in diesen Bereichen durchführen. Zugleich werden wir unsere Anstrengungen im Bereich der sozialen Wirkungsmessung ausweiten, tiefergehende Untersuchungen unternehmen, und unsere Partner dazu ermutigen, dies ebenfalls zu tun. Branchenweite Initiativen werden weiterhin Priorität haben, ebenso wie die Diskussionen über eine neue Definition des sozialen Investierens. Es ist uns bewusst, dass wir unsere Rolle innerhalb der Mikrofinanz andauernd überprüfen müssen. Wir werden auch in Zukunft alles tun, um die sozialen Ziele im Zentrum des Mikrofinanzsektors zu verankern.

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Bericht zum sozialen Wirkungsmanagement 20111,2 MBapplication/pdfdownload

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