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Besuch bei Oikocredit-Partner Sekem in Ägypten

Besuch bei Oikocredit-Partner Sekem in Ägypten

13. November 2016 - von Michael Bergmann - 0 Kommentare

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Mit offenem Blick, staunenden Augen, hinterfragendem Geist und viel Begeisterung teilt der Oikocredit-Anleger Michael Bergmann mit uns seine Eindrücke und Erlebnisse beim Besuch von Sekem. Ein ausführlicher Reisebericht.  

Erster Tag: Mit Bildung die Welt verändern

Nach wenigen Schritten durch die Farm stehen wir Hand in Hand mit Jungen und Mädchen, Lehrern und Lehrerinnen in einem der Morgenkreise, die für Sekem so wichtig sind: Zeichen einer großen Gemeinschaft – egal, zu welchem Glauben der Einzelne gehört, welche Tätigkeit er ausübt.

Der neue Tag wird angesagt, gleich nach drei Kalendern! Und nach den Planeten. Heute ist „Montag des Silbers“: der 31. Oktober 2016, der 29. Muharram 1438.

Wir besuchen die Kleinsten in der Krippe, die „Wichtel“ im Kindergarten, wir schauen in die erste Klasse der 312 Schüler. Ganz stolz führt uns ein Mädchen vor, wie gut sie schreiben kann. Alle wollen an die Tafel. Unser erster Tag gehört fast ganz der Schule. Hier geben 70 bis 75 Lehrkräfte täglich ihr Bestes. Und nicht nur das, sie erhalten auch laufend Fortbildung.

Uns begegnet ein Zitat von Mandela:

„Bildung ist die mächtigste Waffe, die wir einsetzen können, um die Welt zu verändern.“

Zehn Prozent des Jahresgewinns der Sekem-Holding gehen an die Stiftung, die der Schulträger ist, außerdem kommen viele Spenden von Freundeskreisen in Europa. 60 bis 70 Prozent der Kosten werden durch Schulgebühren der Familien selbst gedeckt – immerhin! Doch auch hier gibt es Ermäßigungen für wirtschaftlich besonders arme Familien. Aus Geldgründen wird kein Junge weggeschickt, kein Mädchen abgewiesen.

Denn Kinder sollen sich entfalten zu starken Erwachsenen, einmal Verantwortung übernehmen können für eine nachhaltige Welt. Das ist das ganz große Ziel von Sekem, das führt alle Arbeiten und Lebensbereiche dieses Unternehmens zusammen.

In der Krippe sind 38 Kleinkinder, im Kindergarten 54 Jungen und Mädchen, die hier noch spielen dürfen. Die Schulzweige (bis zur 9. und 12. Klasse) umfassen 312 Schüler und 238 Berufsschüler in sieben handwerklichen Berufen. 32 lernbehinderte Jugendliche erhalten Förderung.

Seit dem Jahr 1989 gab es 212 Graduierungen und seit 2000 insgesamt 814 Berufsabschlüsse.* Dazu gehören seit kurzem auch einige junge Frauen. Da sie wie zugleich eine gute praktische wie auch theoretische Ausbildung erhalte, finden sie stets gute Arbeit.

* (alle Zahlen von 2015)

Seit kurzem gibt es den jährlichen „Girls Day“. Die Zahl der Frauen in praktischen Berufen wachsen bereits. Konzept und Finanzierung wurden gemeinsam mit der GIZ entwickelt.

Wir besuchen alle Ausbildungsbereiche: Schlosserei, Schweißerei, Tischlerei, Schneiderei, Klempnerei, Malerei. Ausgebildet werden auch Bürokaufleute, Elektroinstallateure und Elektroinstallateurinnen.

Wichtig für alle sind auch Anleitungen in Tanz, Musik, Eurythmie, bildender Kunst und Mehrsprachigkeit. Blühende Sträucher gehören zum Schulhof ebenso wie Skulpturen. Farmarbeit und Werken, Arbeiten mit Ton, all dies ist wichtig. Kreativität und eigenes Gestalten sind zentrale Elemente des Bildungsprogrammes. Vorbild ist die Waldorf-Pädagogik.

Zu diesem Tag gehört auch noch ein Besuch in der recht großen Gesundheitsstation. Jeden Vormittag kommen hier rund 150 Männer, Frauen und Kinder zur Behandlung, zumeist aus der näheren Umgebung, bis zu 20 Km im Umkreis. Viele Eingriffe – bis hin zu „einfachen“ Operationen (wie Leistenbruch) – sind hier möglich. Mancher kann gut bezahlen, mancher nur wenig. Und trotz Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Gesundheitssystem bleibt ein Zuschuss-Bedarf von jährlich rund 100.000 Euro, den die Sekem-Stiftung leistet.

Alles ist blitzsauber und top. Sekem liegt sehr viel daran, dass es allen Menschen, die im Umfeld wohnen, gut geht, trotz so schnell nicht abänderbarer Armut. Und dies wird von allen anerkannt. Zu Zeiten der Revolution 2011 waren es diese Menschen, die sich schützend um die Farm bemühten – mit Erfolg.

Und noch ein anderer Erfolg muss erwähnt werden. Es gab bei Sekem die „Kamillenkinder“, Kinder, die um Arbeit nachsuchten, die Familien wussten sich keinen anderen Rat. Also bekamen sie pro Tag einige Stunden Schulunterricht und durften einige Stunden gegen üblichen Lohn Blüten sammeln, ein segensreicher Kompromiss. Dies ist nun ein Auslaufmodell, da keine Kinder mehr nach Arbeit fragen. Der beste Nachweis dafür, dass es den Familien besser geht, eine Frucht nachhaltiger Wirtschaftsweise und fairen Handels.

Der zweite Tag: Gold der Wüste

Das Gold der Wüste! Ihm gehört dieser Vormittag. Nein, es ist nicht das Rohöl! Es ist der Kompost. Er riecht gut, dunkelbraun ist er, fast schwarz. Unweit von Sekems Hauptfarm, befindet sich hinter den Ställen die Kompostproduktion.

Wir besuchen heute die Adleya-Farm. Ein Teil der Fläche ist Versuchsgarten, Gewächshaus und Baumschule zugleich. Da duften Rosmarin, Anis und Fenchel. Mariam Abouleish, eine Enkelin von Ibrahim Abouleish, führt uns durch die Farm. Zusammen mit dem ägyptischen Agronomen Mohamed Abu Khatwa kümmert sie sich um diesen äußerst wichtigen Teil der 700 Hektar kultivierter Wüste.

Was wächst hier? Und mit wem vertragen sich der Hibiskus und die Kamille am besten? Welche Nachbarschaft liebt die für Möbelholz so beliebte Kasuarine am meisten? Und welche Bewässerungsmethode erlaubt wirkliche Nachhaltigkeit? Beregnen? Fluten? Tröpfeln? Oder von unten feucht halten? Fragen über Fragen.

Und die wichtigste von allen Fragen ist die nach dem besten Kompost. Denn der Boden, von dem wir alle leben müssen, ist ein lebendiger Organismus. Ja, letztlich ist es die ganze Farm.

Wie stellt man ihn her? Einfach nur organischen Abfall sammeln, sooo einfach ist es nicht. Und dann mischen da auch noch die Kühe mit, nicht nur mit Mist, wie auch die Tauben und die Schafe, nein, auch ihre Hörner werden buchstäblich zum Füllhorn, gemeinsam mit Sonne, Mond und Sternen. Da kommt einem Rudolf Steiner in den Sinn. Man folgt genau den Regeln der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Sollen wir das einfach glauben? Es klingt alles abenteuerlich!

Angela Hofmann ist die Kompostfrau. Sie spielt auch Geige und ermutigt auf drei neuen Wüstenfarmen junge Baumsetzlinge, ihre Wurzeln zum Wasser hin zu treiben, bis zu 20 Metern tief. Sie weiß: Zu verstehen sind die Geheimnisse des Lebens nicht so leicht.

Aber wenn Bauern auf dem Versuchsfeld sehen, dass es eine bessere Ernte gibt, wenn der Kompost mit ihren Präparaten aus Kuhhörnern veredelt wurde, dann bricht der Damm.

Und deshalb bilden Kompostfarm und Versuchsgelände eine eng miteinander verbundene Einheit. Denn was nützt das beste Gold der Wüste, wenn man es brach liegen lässt? Wir leben eben nicht von Öl, nicht von Aktien oder Dividenden. Wir alle leben nur von den Früchten, die uns die Erde schenkt. Je lebendiger sie sein darf, je lebendiger sind auch wir es. Nachhaltigkeit scheint so einfach wie alle großen Dinge dieser Erde.

Jedenfalls einfach genug für über 400 Kleinbauern in ganz Ägypten, die bisher Zulieferer für Sekem geworden sind und die hohen Demeter-Standards erreichen. Zufrieden dokumentieren sie ca. 3,5 Prozent höhere Erträge als früher mit Pestiziden und Kunstdünger.

Auf der Mutterfarm von Sekem stehen einige große Gebäudekästen, Gewerberäume. Die Medikamentenfirma Atos passte nicht mehr in unser Programm. Aber die Kräuterverarbeitung Lotus sowie Isis Organic und NatureTex konnten wir besuchen.

Lotus: Demeter-zertifiziert

Bei Lotus gehen wir durch die Lagerhallen voller großer Säcke: Duft liegt in der Luft, Duft von Zitronengras, Anis, Minze. Über 400 Kleinbäuerinnen und -bauern aus ganz Ägypten liefern hier ihre Ernte ab. Proben müssen die Demeter-Labore in Deutschland durchlaufen, erst dann wird entschieden, für welchen Preis die Ware abgenommen wird. Zunächst werden nur 50 Prozent des vereinbarten Preises ausgezahlt. Biologisch-dynamische Chargen werden besser bezahlt, der Rest ist auf jeden Fall noch biologisch einwandfreie Ware. Probleme für den Demeter-Standard bereitet mitunter die Belastung des vom Nil gespeisten Grundwassers.

Wir gehen – sorgsam versehen mit Haarhauben – durch kühle, luftige Hallen. Große Maschinen schneiden, schütteln und sieben, pressen und lärmen, füllen Säcke mit fertigen Tee-Komponenten; ca. 50 Prozent für den Export, 50 Prozent für den heimischen Markt.

Der Start dieses Handelsbetriebes wurde erleichtert durch eine sogenannte öffentlich-private-Partnerschaft (PPP) mit holländischer Entwicklungszusammenarbeit.

Isis Organic: biodynamische Lebensmittel

Isis – ein Name aus der ägyptischen Mythologie – nichts hat er zu tun mit der Abkürzung, die hierzulande früher für den IS, also die terroristische Islamisten-Gruppe, verwendet wurde. Isis Organic ist die in Ägypten nun bestens eingeführte Handelsmarke für alle Tees und sonstige biologische oder biologisch-dynamische Lebensmittel, die Sekem produziert und vermarktet, zum weit überwiegenden Teil in Ägypten selbst. Den Teebeutelmarkt hat Sekem erst aufgebaut und ist heute mit 75 Prozent Marktführer. Für die sich anbahnenden Wirtschaftsprobleme scheint Sekem gut aufgestellt.

Die Hälfte der bei Lotus gefüllten Säcke wird also an Isis geliefert. Aus großen Behältern wandern die Teemischungen in die Beutel-Füll-Maschinen. Es ist laut. Und es duftet. Und die Füllmaschinen muten an wie urtümliche Film-Projektoren, mit ihren beiden großen Rollen für Beutel, Faden und Anhänger. Von innen flimmert es rot, das ist die Ausschuss-Kontrolle.

Gewiss, in Anlagen wie bei Lotus oder Isis steckt viel Kapital und die Geräte müssen gut ausgenutzt werden, damit sich das alles rechnet. Uns wird versichert, dass es damit bestens laufe.

Aber von einer vollautomatischen NC-Automatenwelt sind wir hier noch weit entfernt. Die Automaten hier müssen noch bedient werden.

Vorgefertigte Schachteln (große und kleine) werden noch von Hand in Stellung gebracht, gefüllt, verpackt, palettiert für die Auslieferung. Einfache Handgriffe, gewiss, aber Arbeit eben, die Menschen in der Region gutes Einkommen ermöglicht.

NatureTex: FairTrade-Kleidung

Und so ist es auch in der Textilfirma NatureTex im Nachbarblock. Keine Automatisierung, kein Fließband, Serienfertigung schon. Konstanze Aboluleish, die Schwiegertochter des Sekem-Gründers und Frau des gegenwärtigen Geschäftsführers, hat diese Produktion aufgebaut und führt uns durch den von ihr geleiteten Betrieb. Hohe, helle, luftige Räume. Die großen Flügel der Ventilatoren an der Decke dürften auch im Sommer für ein gutes Raumklima sorgen.

Emsiger Betrieb, alles geht Hand in Hand. Produziert wird Babykleidung aus flauschigen giftfreien Stoffen biologisch angebauter Baumwolle. Alle Vorstufen von der Ernte auf dem Feld bis zum fertigen Garn und Stoff werden von NatureTex überwacht, beprobt, auch hier durch Labore in Deutschland. Das gilt auch für die Farben. Gedruckt wird von Hand.

Wir beobachten den Zuschnitt, sehen, wie langsam ein Stoffberg anwächst bis auf zehn Zentimeter Höhe, Lage auf Lage. Die Scheren der beiden Zuschneider treffen sich regelmäßig in der Mitte des Tisches. Dann die Presse, dann geht es per Hand durch eine Art Bandsäge.

Nein! Der junge Mann trägt ja nur an der linken Hand einen Metallketten-Schutzhandschuh! Die Kritik lässt ihn schnell nach dem zweiten für die rechte Hand greifen. Ja sicherer ist es so, aber ohne wäre es doch viel leichter zu arbeiten, murrt er. Aber ob er sich eine Hand mit nur drei Fingern wünschen würde?

Was tun mit den Abfällen? Kein Problem, die werden entweder zu „Flickenteppichen“ verwebt oder als Füllung für Püppchen verwendet. Die dm-Drogeriekette in Deutschland wird sie zu Weihnachten im Angebot haben.

Zu Dumpingpreisen? Keineswegs. So wie Sekem die ganze Wertschöpfungskette in der Hand hat, vom Feld bis zum Drogeriemarkt, so achtet man auch auf eine Preisstruktur, durch die allen Beteiligten der ihnen angemessene Teil der Wertschöpfung zukommt.

FairTrade also? Aber ja! Nur das Zertifikat: Man spart sich die Kosten. Zertifiziert wird für teures Geld nur dort, wo der Kunde es wünscht und dafür extra löhnt. Wer beteiligt ist, der weiß: Wo Sekem oder NatureTex draufsteht, da geht es auch immer fair zu.

Das aber überzeugt mich nicht ganz, denn: Was jedem bei Sekem klar ist, wird doch hierzulande leicht und auch nicht ohne Grund angezweifelt, wenn es nicht besiegelt ist. Zuviel Betrug ist in der Welt. Wenn fairer Handel Eingang findet in Kaufhausketten, dann ist das ein super Erfolg! Er darf nicht durch unberechtigte Zweifel gefährdet werden.

Der dritte Tag: Besuch der Oase Fayoum

Nach vier Stunden tut uns der Hintern weh. Wir sind auf dem Weg in die Oase Fayoum, in den ältesten Flecken des Planeten, der als Kulturland bekannt ist. Schon vor 5.000 Jahren legten hier die Bauern los, vermutlich noch früher. In diesen 70 km² liegen einige „kleinere“ Städte, viele Dörfer und noch mehr Felder. Der Nil speist auch diese Oase. Sie liegt unter dem Meeresspiegel und ist heute der Gemüsegarten Kairos. Hoffentlich wird er nicht mit Hochhäusern zugebaut.

Wir fluteten also zunächst durch den Verkehr der Mega-City Kairo auf der sechsspurigen neuen Ring Road, Spiegel an Spiegel, zu siebent nebeneinander, wie in einem Schwarm quirliger Fische. Am Weg durch die Oase dann bestaunten wir ein Wasserrad. Das geringe Gefälle eines Kanals drehte das Schöpfrad, wie schon seit Jahrhunderten. Mit leisem Knurren singt es sein uraltes Lied zu den frischen Güssen, die kleine Bewässerungsgräben fluten. Üppige Felder ringsum. Dann fädelten wir uns durch immer enger werdende Dörfer.

In Iraqui schließlich, im hintersten Winkel, so will uns scheinen, sind wir dann Gäste bei einer der 16 lokalen Kleinbauernfamilien, die als Sekem-Partner Baumwolle und Kräuter aus der Oase liefern. Von dieser Farm leben gut 25 Menschen. Wir versinken in tiefen Polstersesseln, teilen miteinander Fladenbrot, Tee und Ziegenkäse – scharfen und milden – und finden schnell ins Gespräch. Für fließende Übersetzung ist gesorgt. Bevor wir in die Felder aufbrechen, müssen aber auch wir noch von uns und unseren Familien erzählen. Man äußert sich zufrieden darüber, dass durch die Anbaumethoden und Zusammenarbeit mit Sekem gute Erntepreise erzielt würden. Sogar Stipendien gibt es für Dörfler für ein Studium an der Heliopolis Universität in Kairo.

Wir folgen einem kleinen Pfad, entlang des langsam rinnenden Wassers. Stille ringsum, nur die Kinder quirlen fröhlich um die seltenen Gäste. Von fern her erklingt das Tuckern einer Wasserpumpe. Der Mais wird bald geerntet, nun kommt die Zeit für die Kamille, die schon hier und da eine Blüte zeige. Dann kommt der „Schulbus“ und ein Drei-Sitze-Taxi entlässt mindestens zehn fröhliche Kinder in die Magistrale des Dorfes. Mutter, Großmutter und Urgroßmutter erwarten sie zugleich mit unserer Verabschiedung.

So wie hier folgen landesweit 121 Vertragsfarmer mit 448 Kleinbauern-Familien „im Schlepptau“ den neuen nachhaltigen Anbaumethoden und blicken zuversichtlich in die Zukunft.

Der vierte Tag: Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung

Auf nach Kairo, auf zur Universität Heliopolis, knapp eine Stunde im Werktags-Verkehr, vorbei an den kleineren Nachbarstätten, die „nur“ ein bis zwei Millionen Einwohner haben. Leider ist keine Zeit, die Lebensverhältnisse hier, aus Städten wie denen, aus denen die Studenten ja kommen, näher kennen zu lernen.

Am Stadtrand von Kairo und in bester Gesellschaft anderer angesehener Schulen kommen wir gerade noch rechtzeitig zum Morgenkreis, in dem sich auch hier täglich alle Mitarbeitenden mit Händedruck verbinden, bevor es an die Arbeit geht. Frau Dr. Dalia Khalil führt uns durch einen grünen, frischen und sauberen Campus. Mit Beginn des neuen Semesters im September 2016 sind es jetzt gut 1.200 Studenten – 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer, die hier gegenwärtig drei Fakultäten besuchen: Wirtschaft, Ingenieurswesen und Pharmazeutik.

Doch neben dem Fachwissen, dessen Studium in allen Bereichen zunächst nur bis zum Bachelor führt, ist das Kernprogramm für alle eine gemeinsame Mitte. Nicht Wissen allein, Bildung ist angestrebt. Dazu dienen auch bildende Kunst, Musik, Sprachen, Theater und Literatur. Frau Dr. Khalil hat hier die führende Hand.

Thomas Abouleish hatte uns schon nach unserer Ankunft auf das hohe Ziel dieser Universität hingewiesen: Er ist zuversichtlich, dass in den kommenden Jahrzehnten mehre Studenten der HU zu führenden Persönlichkeiten in Ägypten werden. Das Ziel nachhaltigen Lebens greift weit aus, das verstehen wir. Und so sind ethische Werte der eigentliche Kern dieser Kaderschmiede.

Wir gehen – eher fliegen wir – durch einen supersauberen Komplex von Gebäuden, Räumen und Ausrüstung. Natürlich: Alles ist erst vier Jahre alt. Aber daran allein kann es nicht liegen, dass alles gut gepflegt ist. Ohne Frage waltet hier auch eine gute Führung. Ich muss an ein Wort von Dietrich Bonhoeffer aus der Zeit seiner Haft denken: „Halte Deine Zelle in Ordnung und sie wird dich in Ordnung halten.“

Der Rahmen gehört zur Bildung, zum Konzept.

Vorm Eingangstor durchschreiten wir den Müll-Spülsaum der Stadt. Als Ibrahim Abouleish vor vielen Jahren das Gelände erwarb, für einen äußerst geringen Preis, lag es noch in der Wüste. Die stille Wertreserve dieses Immobilienkomplexes dürfte enorm sein. Boden und Immobilien gehören der Holding Sekem, die Universität wird betrieben von einer gemeinnützigen Körperschaft und zahlt Miete für den Komplex. Dank der Schulgelder trägt sich die Universität fast allein, so Thomas Abouleish (der Mann von Sara Abouleish, einer Enkelin des Gründers); abgesehen von kleinen Zuschüssen und auch Stipendien, die für ärmere Studenten bereitgestellt werden.

Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten. Allein in Deutschland sind es fünf angesehene Institutionen. Ach könnte man nochmal 20 sein und hier mit einsteigen. Dieses Gefühl mag manchen von uns auf dem Heimweg begleiten.

Der vierte Tag: Das Herbstfest

Den Nachmittag verbringen wir im Amphitheater. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, wird hier ein großes Fest gefeiert. Um die 2.000 Menschen, die irgendwie zu Sekem gehören, versammeln sich, Ibrahim Abouleish mitten unter ihnen. Alle treffen sich zu einem großen Zirkel in mehreren Reihen auf dem dafür eingerichteten Platz, eine große Gemeinschaft.

Dann geht es eine blühende Allee hinauf zum Theater, nach klassischem Vorbild eingefügt in die Landschaft. Für die Gäste hat man auf den geräumigen Erdstufen Stühle bereitgestellt, alle anderen sitzen auf den gut gearbeiteten und geräumigen Bodenstufen. Über uns spannt sich leichte, braune Sackleinwand und spendet angenehmen Schatten. Leicht ist die Luft, bleibt es auch in den kommenden zwei Stunden. Unten bietet eine großzügige Bühne einen wunderbaren Raum für Musik, Gesang, Theaterspiel und Reden.

Alle Sekem-Abteilungen haben Darbietungen vorbereitet. Und natürlich werden alle geehrt, die diesmal schon sieben Jahre dabei sind. Sieben Jahre, nicht zehn. Sieben, ich erinnere mich, das ist auch in der Welt der Bibel die heilige Zahl des Großen, Ganzen. Und so ist auch dies ein Bild für die eigentliche Triebfeder dieses großen stillen Mannes, der einst selbst die Begegnung der Kulturen als Ägypter in Österreich durchmessen hat. Diese Erfahrung und das, was er durch diese Zeit in der Fremde geworden ist, hat zu seiner Vision eines nachhaltig menschlichen Lebens entscheidend beigetragen.

In ihm ist die Überzeugung lebendig und prägt sein Lebenswerk: Nur aus der Begegnung und gegenseitigen Befruchtung aller großen alten Kulturen und Religionen kann der Weg gebahnt werden, der zu einem nachhaltigen Leben von uns allen miteinander führen kann.

Für sein Unternehmen Sekem mit allen sozialen und pädagogischen Komponenten neben der Landwirtschaft und Produktion von biodynamischen Produkten steht seine langfristige Zielsetzung:

„Unsere Mission ist nachhaltige Entwicklung für eine Zukunft, in der alle ihre je individuellen Begabungen entfalten können, in der alle Menschen in solchen sozialen Formen miteinander leben können, die ihre menschliche Würde widerspiegeln und in der alle Wirtschaftsunternehmen und Tätigkeiten in Übereinstimmung mit ethischen und ökologischen Prinzipien erfolgen.“

Solche Ziele zu verfolgen ist nicht immer einfach. Thomas Abouleish sagte mir, dass gerade zur Zeit der Revolution 2011 die Bereitschaft von Oikocredit zu einem sehr großen Kredit für dieses völlig gesunde Unternehmen in Ägypten ein wichtiges Signal für Vertrauen in die Zukunft und in die eigene Kraft war, weit über Sekem hinaus.

Nach ereignisreichen und inspirierenden Tagen flogen wir wieder nach Hause, mit großer Freude darüber, dass wir mit unseren geringen Ersparnissen auf dem Weg über Oikocredit an solchen Wegen in die Zukunft teilhaben können.

Michael Bergmann, Bensheim, 13.11.2016

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